Rede von Vera Dehle-Thälmann und Heika Rohde zum 81. Jahrestag der Befreiung von Ravensbrück

geschrieben von Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis

5. Mai 2026

Zum 81. Jahrestag der Befreiung von Faschismus und Krieg hat uns die Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis die Rede zur Verfügung gestellt, die Vera Dehle-Thälmann und Heika Rohde zur Befreiung am Sowjetischen Ehrenmal in Fürstenberg gehalten haben. Vielen Dank dafür.

Rede am sowjetischen Ehrenmal 2.5.2026, 10 Uhr

Wir gedenken heute am 81. Jahrestag der Befreiung als Lagergemeinschaft Ravensbrück Freundeskreis zusammen mit euch und Ihnen den Soldaten_innen der Roten Armee. Am 30. April 1945 wurde das Konzentrationslager Ravensbrück von Soldatinnen und Soldaten der Roten Armee befreit.

Soldat_innen der Roten Armee kamen aus verschiedenen ehemaligen Sowjetunionrepubliken. In der heutigen Situation ist es wichtig zu wissen, dass die Rote Armee nicht der russischen Armee entsprach. Viele unterschiedliche Menschen unterschiedlicher Herkunft einte das Ziel, mit militärischen Mitteln dem Faschismus und dem 2. Weltkrieg, der vom deutschen Nationalismus ausging, ein Ende zu setzen.
Wir gedenken ihrer und danken ihnen im Herzen und mit Respekt. Wir würdigen die Rotarmist_innen, die Ravensbrück unter extrem schweren Bedingungen befreit haben, die ihre Familien und Freund_innen zurücklassen mussten, die aus ihrem Leben gerissen wurden, um gegen das Naziregime zu kämpfen.
Wir gedenken allen, die in den Kämpfen gegen das faschistische Deutschland starben. Die Tradition dieses Gedenkens ist das Vermächtnis der Überlebenden Häftlinge des Konzentrationslagers Ravensbrück. Sie haben dieses Vermächtnis an uns, ihre antifaschistischen Nachkommen übergeben und es ist uns ein Herzensbedürfnis, diese Tradition des Gedenkens zu achten.

Wir haben ein Zitat über die Befreiung des Konzentrationslagers Ravensbrück gefunden, geschrieben von N.P. Poljakow, Mitgleid des Präsidiums der sowjetischen Komitees der Kriegsveteranen. Das Zitat ist eine Übersetzung aus der russischen Sprache, mit Polizei ist vermutlich die bewaffnete SS gemeint:

„Unsere Einheiten nahmen Fürstenberg und Ravensbrück. Noch eine Hitler-Folterkammer ist zusammengebrochen….Das ist gestern geschehen, am 30. April . Als erste drangen unsere Aufklärer auf Motorrädern im Lager ein. Rundherum erwiderten die SS-Leute noch aus Maschinengewehren das Feuer. Um das ganze riesige Lagergelände ist eine Eisenbetonmauer gezogen. …Polizei gab es schon keine mehr. Mit den Helfern der Polizei wurden wir schnell fertig. Den Soldaten half eine Gruppe Frauen, frühere Häftlinge. Die Mehrzahl von ihnen waren Russinnen, sowjetische Frauen; barfuss, kahlgeschoren, in gestreiften Kleidern, ausgemergelt, aber mit vor Freude brennenden Augen. Sofort haben sie im ganzen Lager ihre eigene Bewachung aufgestellt. Auf dem Gebäude der Kommandantur wurde die rote Fahne gehisst.
Von den Frauen erfuhren wir, dass die Nazis schon vom 28. April an eine überstürzte Evakuierung des Lagers begannen. Alle, die noch gesund waren, zwang man aus den Blocks zu treten und sich aufzustellen. Man jagte die Häftlinge unter Polizei – und Wachhundbegleitung nach Westen. …Die SS – Leute beeilten sich, das Lager, samt den zurückgebliebenen Kranken zu sprengen, erzählten die Frauen. Die Henker wollten die Spuren ihrer Verbrechen verbergen. Das durfte man nicht zulassen. Die Frauen zeigten uns einen von ihnen gezogenen Deckungsgraben. Heimlich nachts hatten sie den Graben unter der Elektronmauer
hindurchgeführt. Sie gruben mit nackten Händen, mit Knüppeln, mit Scheren, rnit dem, was ihnen in die Finger kam. ,,Habt ihr euch gedacht, durch den Graben in die Freiheit durchzubrechen? – Ja, Euch entgegen. Wir wussten doch, dass die Sowjet – Armee nah ist. Wir haben den Donner der Geschütze gehört. Wir versteckten uns im Graben. Nachts. Es ist dunkel… “ ..und wir begrüßten den Morgen und Euch – Ihr Lieben“
… Niemals kann man diese Minute vergessen.


Es ist uns wichtig, den Soldat_innen zu gedenken und zugleich eine pazifistische, antimilitaristische Position deutlich zu machen, auch in Bezug auf die Armeen und Militärpolitiken der Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Soldat_innen zu würdigen und zugleich eine pazifistische, antimilitaristische Position zu
vertreten ist und bleibt ein Widerspruch.
Im Krieg Russlands gegen die Ukraine – der bereits seit mehr als 4 Jahren andauert – stehen sich Menschen gegenüber, deren Vorfahren während des Zweiten Weltkrieges gemeinsam in der Roten Armee gegen den Hitlerfaschismus gekämpft haben. Dieser Krieg soll nicht im Gedenken ausgetragen werden. Deshalb bitten wir weiterhin darum, nicht in Militäruniform zur Gedenkfeier zu erscheinen. Krieg, das bedeutet Gewalt, Vergewaltigung, Verschleppung, Hunger, Verknappung von Wasser und Medikamenten, Zerstörung von Infrastruktur, den Tod vieler Menschen und noch vieles mehr. Diese Erfahrungen betreffen alle Kriege, im Iran, Libanon, Israel, Palästina, Afghanistan, Syrien, Kurdistan, Kongo, Sudan, Myanmar, Jemen und noch an so vielen Orten mehr. Und die Kriegstreiberei geht immer noch weiter, eine Welt voller Kriege.
Krieg nützt nicht den Menschen. In Kriegen geht es um Macht und Kaptitalinteressen. Es geht um den Erhalt von Privilegien und dem Zugang zu Ressourcen wie Öl, Gas, andere Bodenschätze oder strategisch wichtige Orte. Unsere Solidarität und unser Mitgefühl gilt allen Opfern dieser Kriege. Die Parole der überlebenden Häftlinge des KZ Buchenwald: „Nie wieder Faschismus- nie wieder Krieg“ klingt wie eine Illusion.Dennoch bleibt dies unsere Haltung, unser Ziel und unsere Hoffnung.Und dennoch stehen Menschen überall auf der Welt auf und leisten Widerstand gegen ihre unerträglichen Lebensbedingungen, gegen Gewalt, Unterdrückung und Krieg. Jin Jiyan Azadi, das ist eine gemeinsame Parole geworden.

Jin Jiyan Azadi ist kurdisch und bedeutet Frau, Leben, Freiheit. Die Parole wurde nach der Ermordung von Jina Mahsa Amini im Iran weltweit gerufen. Jin Jiyan, Azadi sind unteilbar und schliessen alle Menschen ein, in Kurdistan, im Iran, im Sudan, in der Ukraine, in Russland, Palästina, in Israel, in Deutschland….weltweit! Errungenschaften des Widerstands gegen den NS Faschismus wie das Recht auf Asyl, der Schutz der Menschenwürde und der Grundsatz, dass Menschen nicht aufgrund ihrer Herkunft, Religion, Geschlecht, sexueller Orientierung und sozialen Status benachteiligt werden dürfen, werden nicht nur in Frage gestellt, sondern ignoriert. Schwarze Menschen, Menschen of colour, Juden_Jüdinnen, Sinti_zze und Rom_nja, wohnungslose Menschen, Menschen aus der LGBTIQ+ Community können sich ihres Lebens und ihrer Gesundheit nicht mehr sicher sein. Immer mehr Länder werden zu sicheren Herkunftsländern erklärt und Deutschland arbeitet mit ihren menschenverachtenden Regierungen zusammen. Ihr kennt alle die politischen Entwicklungen. Wir dürfen uns nicht daran gewöhnen.

Stefan Zweig sagte: „ Der Nationalsozialismus hat sich vorsichtig, in kleinen Dosen, durchgesetzt- man hat immer ein bisschen gewartet, bis das Gewissen der Welt die nächste Dosis vertrug.“ Wir müssen wissen, dass weitere Schritte, weitere Angriffe und weitere Einschränkungen folgen sollen. Nur gemeinsam mit allen demokratischen Kräften und solidarisch verbunden können wir diesen Entwicklungen entgegentreten.

Wir gedenken heute der Befreiung des Frauenkonzentrationslagers. Patriarchale, sexistische sexualisierte Gewalt ist ein Bestandteil der Kriegsführung. Diese Form der Gewalt wird als brutales Mittel der Demütigung und Unterwerfung eingesetzt. Patriarchale Gewalt kennt keine Grenzen und keine Nationen. Hier bei der Gedenkarbeit und an unseren Arbeitsplätzen, in der Schule, zuhause und in der Öffentlichkeit heißt es, uns zu vernetzen und Bündnisse aufzubauen und zu stärken.

Schon oft zitiert und immer wieder bestärkend ist das Zitat von Esther Bejarano, die auch hier im KZ Ravensbrück inhaftiert war:

„Nie mehr schweigen, wenn Unrecht geschieht. Seid solidarisch! Helft einander! Achtet auf die Schwächsten! Bleibt mutig!“

Ein friedvolles Zusammenleben aller Menschen bedeutet die Anerkennung der Menschenwürde unabhängig von Status und Nation. Stellt euch antisemitischer, antimuslimischer, antiromaistischer und antifeministischer Hetze entgegen.

Jin, Jiyan, Azadi
Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!