Das Vermächtnis des Widerstandes weitertragen

geschrieben von Gerd Deumlich

8. April 2011

Unter diesem Motto fand am letzten Wochenende in der Humboldt-Universität zu Berlin der 4. Bundeskongress der VVN-BdA seit der Vereinigung der Verbände antifaschistischer Widerstandskämpfer zu einer gesamtdeutschen Organisation statt. Dieses Motto ist mehr als ein besinnlicher Gedanke – es ist ein kämpferischer Anspruch. Denn die Aufgabe muss nahezu ganz von den Nachfolgern derer gelöst werden, die noch aktiv am Widerstand gegen den Faschismus teilnahmen – und sie stoßen auf verhärtete Anstrengungen, den Antifaschismus zu delegitimieren.

„In unserer Organisation hat sich in den letzten Jahren ein Generationswechsel vollzogen“, besagt der Leitantrag des Kongresses. Zu den Nachgeborenen, die jetzt das Vermächtnis des Widerstandes zu erfüllen haben, konnten noch ein Moorsoldat und ein Auschwitzüberlebender sprechen, die Totenehrung würdigte auch schon Namen aus der Nachfolgegeneration, wie Jupp Angenfort. Dass der VVN neue Kräfte zugewachsen sind, besagt die Zahl, dass von den 142 Delegierten 48 zum ersten mal delegiert waren, viele sind in den letzten zehn Jahren beigetreten; durch die Gewinnung junger Menschen ist der Mitgliederrückgang aufgehalten worden. Die VVN-BdA hatte Ende letzten Jahres 6 786 Mitglieder. Junge Menschen zu gewinnen bleibt die Hauptsorge für die Sicherung antifaschistischen Wirkens.

Dieses zeichnete sich, wie der Kongress resümieren konnte, durch wichtige Erfolge aus: Durch die NO-NPD-Kampagne wurde die Forderung nach dem NPD Verbot ein gewichtiges Politikum – die Ausstellung über den Neofaschismus erzielt beträchtliche Resonanz – die VVN trug dazu bei, dass der NPD der Einzug in Landtage misslang – in mehreren Orten, wie Dresden u. a., wurde den Aufmärschen der Neonazis wirksam begegnet, wurde das Recht verteidigt, die Nazis zu blockieren.

Das Wirken der VVN-BdA fand die Anerkennung in Grußschreiben an den Kongress, so von einigen Gewerkschaften. Der Vorsitzende des Zentralrats der Sinti und Roma, Romani Rose, betonte die Bedeutung eines grundlegenden Bündnisses gegen die Neonazis und hob hervor, dass die VVN die erste Organisation war, die sich dafür einsetzte, die Verbrechen der Faschisten gegen die Sinti und Roma in eine Reihe mit dem Holocaust zu stellen. Die Vorsitzende der DKP, Bettina Jürgensen, selbst aktives Mitglied der VVN-BdA, fand starken Beifall für ihr Plädoyer, dass sich die antifaschistische Bewegung, wenn sie Erfolg haben wolle, nicht spalten lassen dürfe.

Die Verhandlungen des Kongresses widerspiegelten lebhaft, dass die VVN-BdA selbst eine breite Bündnisorganisation ist, in der Menschen mit verschiedenen Zugängen zum Antifaschismus und unterschiedlichen Meinungen zu aktuellen Problemen zusammenwirken. So ergab die Diskussion des Kongresses eindeutig, dass die VVN-BdA an konsequent antifaschistischen Positionen zu erkennen ist: durch die Fortsetzung des Kampfes für das NPD-Verbot, durch die Ablehnung jeglicher rassistischer und religiöser Ausgrenzung, der Abschiebung von Migranten, durch die Unterstützung der Positionen der Friedensbewegung gegen Kriegseinsätze und die sogenannte Bundeswehrreform, durch die Auseinandersetzung mit der „Extremismusklausel“, mit der staatlicherseits antifaschistische Aktivität eingeschränkt werden soll, durch das Zusammenwirken in der FIR gegen neofaschistische Tendenzen in anderen europäischen Ländern, um nur einige Beispiele zu nennen.

Unbedingt erwähnenswert ist der Vortrag des Historikers Kurt Pätzold, der anschaulich die geschichtliche Entwicklung der Faschismus-Analysen aufzeigte und dafür plädierte, dass unterschiedliche Auffassungen über die Definition des Faschismus nicht hindern sollten, die geschichtlichen Erfahrungen in dem heutigen Kampf zu beachten.

Es zeichnete den Kongress aus, dass er „heiße Eisen“ nicht ausließ. Schon am Vorabend war Prof. Moshe Zuckermann eingeladen, über „Zwischen Israel-Kritik und Antisemitismus“ vorzutragen und zu diskutieren. In dem lebhaften Für und Wider blieb er bei dem Rat, dass es für Antifaschisten keinen vernünftigen Grund gibt, in die Falle zu laufen, dass Kritik an staatlichen Aktionen Israels per se Antisemitismus sei. Diese Position war dann auch in der Antragsdebatte des Kongresses maßgeblich dafür, dass der unbestimmte Begriff „Israel-bezogener Antisemitismus“ als kategoriales Kriterium nicht akzeptiert wurde, was eine weitere Diskussion des umstrittenen Problems nicht ausschließt.

Bleibt anzumerken, dass als Vorsitzende der VVN-BdA Prof. Heinrich Fink, Berlin, und Kornelia Kehrt, Hamburg, wiedergewählt, zwei Schatzmeister und sieben Bundessprecher durch Wahl bestimmt wurden.

Gerd Deumlich
Mit freundlicher Genehmigung von „Unsere Zeit“
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